Arbeitslose: Viele zufrieden, wenige verzweifelt

Die Unterschiede zwischen Arbeitslosen sind größer als häufig angenommen, berichtet Celine-Chantal Elster-Kann in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation. Mehrere Typologien sind in der Forschung beobachtet worden. Alle ähneln dem Modell des belgischen Arbeitspsychologen Hans de Witte. Er registrierte in seiner Studie mit Arbeitslosen:
- Die größte Gruppe – etwa 30% – sind die Zurückgezogenen: Ihr Interesse an Erwerbsarbeit ist minimal, sie haben sich ihr Leben mit Familienarbeit und Freizeit ohne Beruf zufriedenstellend eingerichtet, sind an Weiterbildungen desinteressiert und nehmen die Arbeitslosigkeit positiv wahr. Viele sind Frauen mit Kindern. „Als Hypothese folgert de Witte, dass bei den Zurückgezogenen die Arbeitslosigkeit eher als Ergebnis der wenig arbeitsmarktorientierten Einstellung zu betrachten sei.“
- Die Optimisten – ca. 28% –, ebenfalls überwiegend Frauen, „sind eher moderat in die Arbeit involviert, bei gleichzeitig aktivem Suchverhalten und adäquater Wahrnehmung der Arbeitslosigkeit. Die Mehrheit ist der Ansicht, dass die Vor- und Nachteile der Arbeitslosigkeit ausgeglichen sind.“ Qualifikation und Weiterbildungsbereitschaft sind hoch – und entsprechend erfreulich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
- Die Angepassten – ca. 17% – sind meist beruflich wenig qualifiziert, teils ungelernt, haben sich nach vergeblichen Bewerbungsversuchen resigniert an die Arbeitslosigkeit angepasst und machen im Alltag das Bestmögliche daraus.
- Für die Entmutigten – ca. 14% – hat die Arbeit subjektiv einen hohen Stellenwert; doch die meist relativ geringe Qualifikation hat nach Bewerbungen zu Absagen geführt – und zur Resignation.
- Die verzweifelt Suchenden – etwa 11% – verfügen meist über eine niedrige Bildung und Berufserfahrung, kämpfen stark mit finanziellen Problemen, erleben die Arbeitslosigkeit negativ. „In Bezug auf Unterstützungsmaßnahmen akzeptieren die Verzweifelten nahezu alles, was zu einer Arbeitsaufnahme führen könnte.“
Die Prozentanteile lassen sich nicht generalisieren.
Elster-Kann differenziert anhand weiterer Studien die Typologien – teils inclusive der Aussichten auf eine adäquate Erwerbsarbeit. Typologien können insbesondere in praxisorientierten Kontexten nützlich sein, in denen entweder Zeitdruck oder begrenzte Informationen bestehen. Sie können dazu beitragen, begründete Entscheidungs- und Problemlöseprozesse zu beschleunigen.

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation 2026-2 (134)
Perspektivenerweiterung Psychosomatik II
Beate Muschalla (Hrsg.)