Ästhetik als Leistungsbooster – Neue Metaanalyse zeigt: „Schönes Design“ kann mehr als nur gut aussehen

Eine aktuelle Metaanalyse des Lehrstuhls für Arbeits- und Umweltpsychologie der Bergischen Universität Wuppertal (BUW) in Zusammenarbeit mit Forschenden der Universität Münster zeigt, dass ästhetisch gestaltete digitale Oberflächen nicht ablenken, sondern Nutzer*innen messbar dabei unterstützen können, schneller und präziser zu arbeiten. Bisher galt Ästhetik bei der Entwicklung von digitalen Produkten wie Apps und Websites oft als „nice to have“. Die Analyse widerlegt dieses Vorurteil und liefert Empfehlungen für die Praxis und zukünftige Forschung gleich mit.
Wer eine digitale Anwendung nutzt, entscheidet oft in Sekunden über deren Qualität. Bislang galt ansprechendes Design dabei häufig vor allem als Faktor für den ersten Eindruck oder die subjektive Zufriedenheit. Die jüngst im „International Journal of Human-Computer Interaction“ veröffentlichte Metaanalyse zeigt nun: Ästhetisch gestaltete digitale Anwendungen können auch die tatsächlich erbrachte Leistung oder das Verhalten der Nutzer*innen bei der Interaktion mit einem System verbessern – etwa hinsichtlich Geschwindigkeit, Genauigkeit oder Effizienz.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Ästhetik keineswegs nur dekoratives Beiwerk ist“, sagt Studienautor Prof. Dr. Meinald Thielsch, der an der Bergischen Universität Wuppertal den Lehrstuhl für Arbeits- und Umweltpsychologie leitet. „Ansprechend gestaltete digitale Oberflächen können Menschen dabei unterstützen, Aufgaben erfolgreicher und effizienter zu bearbeiten.“
Für die Studie analysierte das Forschungsteam 31 Untersuchungen mit insgesamt 18.794 Teilnehmenden. Berücksichtigt wurden ausschließlich Studien, in denen die Unterschiede zwischen ästhetisch ansprechenden und weniger ansprechenden Designs tatsächlich von den Nutzenden wahrgenommen wurden. Die Ergebnisse zeigen insgesamt einen kleinen bis mittleren positiven Effekt von Ästhetik auf die Leistung – deutlich stärker als erstmals in einer früheren Analyse aus dem Jahr 2019 nachgewiesen.
Brücke zwischen Forschung und Praxis
Ob privat, beruflich oder im Bildungswesen – täglich interagieren Milliarden Nutzer*innen mit Benutzeroberflächen. „Gerade für Unternehmen und Organisationen liefert unsere Analyse wichtige Erkenntnisse“, sagt Marleen Schlamann, Psychologin und User Experience Consultant bei MAI eresult. „Investitionen in gutes Design verbessern nicht nur die Wahrnehmung digitaler Produkte, sondern können auch deren tatsächliche Nutzung unterstützen. Das ist bei entsprechend vielen Nutzenden einer digitalen Anwendung dann auch ein wirtschaftlich relevanter Faktor.“
Für die Praxis empfehlen die Forschenden daher, Ästhetik gezielt und evidenzbasiert zu gestalten. Die Einbindung von Feedback der Nutzer*innen in den Entwicklungsprozess sei zentral.
Zugleich sehen sie ihre Ergebnisse als wichtigen Beitrag für die Weiterentwicklung der Forschung im Bereich Mensch-Computer-Interaktion. So deckte die Analyse methodische Lücken bisheriger Studien auf. Viele würden Ästhetik ungenau messen oder wichtige Einflussfaktoren vernachlässigen, resümieren die Autor*innen.
Zudem lieferten frühere Studien teils widersprüchliche Befunde dazu, ob attraktives Design eher unterstützt oder sogar ablenkt. Die neue Metaanalyse findet dagegen keine Hinweise darauf, dass ansprechende Gestaltung die Leistung grundsätzlich verschlechtert.
Umfassende Literaturrecherche
Für die Metaanalyse durchsuchte das Forschungsteam systematisch die internationale Forschungsliteratur zum Zusammenhang von visueller Ästhetik und Leistung der Nutzer*innen. Ausgangspunkt waren rund 40.000 potenziell relevante Veröffentlichungen, deren Auswahl unter anderem durch KI-gestützte Verfahren unterstützt wurde. In die finale Analyse aufgenommen wurden 31 Studien mit insgesamt 18.794 Teilnehmenden. Bewertet wurden unter anderem Bearbeitungsgeschwindigkeit, Genauigkeit und Effizienz bei der Nutzung digitaler Oberflächen. Zusätzlich analysierten die Forschenden verschiedene Einflussfaktoren, wie Art und Dauer der Interaktion, Messung von Ästhetik oder konkrete Gestaltungselemente wie Typografie.
Die Forschenden betonen jedoch auch, dass weiterer Forschungsbedarf besteht. Zwar bestätigt die Analyse den positiven Einfluss von Ästhetik auf die Leistung, zugleich zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Studien. Künftig brauche es daher noch präzisere und methodisch hochwertigere Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Einflussfaktoren besonders wirksam sind – und warum.
Einen Anfang macht das Team selbst, indem es zehn Einflussfaktoren identifiziert, die den Effekt von Ästhetik auf die Leistung erklären könnten und somit als Orientierung für zukünftige Studien dienen könnten.
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Link zur Veröffentlichung: Schlamann, M., Nestler, S. & Thielsch, M. T. Attractive Things Do Work Better: A Meta-Analysis on Visual Aesthetics and User Performance. International Journal of Human-Computer Interaction. DOI: https://doi.org/10.1080/10447318.2026.2664081
Quelle: https://idw-online.de/de/news873385

Ästhetik von Websites – Wahrnehmung von Ästhetik und deren Beziehung zu Inhalt, Usability und Persönlichkeitsmerkmalen
Thielsch, Meinald T.
Pabst, 320 Seiten